Buddha und Welt, Selbst bestimmt!

Wer Visionen hat, …

… soll zum Arzt gehen. Für jeden noch so blöden Spruch mag es Situationen geben, in denen er stimmt. Aber diese “Visionär=krank”-Denke hat sich überall breitgemacht, vor allem in der Politik: Ja nichts Großes denken, kleine Schrittchen, dünne Brettchen und ein bisschen Frieden für alle. Doch wenn wir Realisten bleiben wollen, braucht es Visionen. Aus drei Gründen:

Visionen schaffen Orientierung. Helmut Schmidt fällte den Spruch, als der Kalte Krieg und der Industrialismus noch die Koordinaten vorgaben. Die klaren Fronten – hier Ostblock, da Westblock, hier Arbeitgeber, da Arbeitnehmer – erzeugten zumindest die Illusion von Berechenbarkeit. Schachspieler brauchen tatsächlich keine Visionen, sondern nur Strategien. Heute kennt das Schachbrett nicht nur Schwarz und Weiß. Ständig kommen neue Figuren ins Spiel und die Felder sind bunt. Da wird das Kursbestimmen zwangsläufig zum kreativen Akt: Herausfinden, wer wir sind und was wir wollen, und dann ran an die Arbeit! Die darf dann durchaus strategisch geplant werden. Aber wer nicht zuerst eine Vision erschafft, verkalkuliert sich und hat am Ende gar nichts: keine Identität, keine Ziele und keinen Erfolg.

Visionen bündeln Ressourcen. Die Gießkannenpolitik wird zu teuer und wirkungslos. Wer alles ein bissel finanziert, erreicht am Ende nichts. Wir brauchen die Konzentration auf große Ziele, denen sich alles andere unterordnet. Visionen eben. Dann ließe sich klarer entscheiden, wo gespart werden darf und wo investiert werden muss. Politik wäre dann wieder kommunizierbar und transparent: „Ihr habt mit uns die Vision gewählt, dass kein Bürger jemals ohne Zugang zu Bildung sein soll. Also schaffen wir jetzt ein Bildungssystem, das dieses Versprechen erfüllt. Dafür kürzen wir die Sozialleistungen, weil wir glauben, dass besser ausgebildete Menschen leichter am Arbeitsmarkt bestehen, die Wirtschaft mit neuen Ideen beleben und wir deshalb Wohlstand für alle schaffen.“ Oder: „Ihr habt mit uns die Vision gewählt, dass ebenso viele Frauen in Wirtschaft und Politik das Sagen haben wie Männer. Deshalb bauen wir unser Schul- und Kinderbetreuungssystem entsprechend um – und streichen das Kindergeld für alle Einkommen über 3.000 Euro netto.“ Oder: „Ihr habt mit uns die Vision gewählt, dass wir Weltmarktführer in Öko-Hightech werden. Deshalb heben wir die Energiepreise an und subventionieren Energiesparmaßnahmen und in die Forschung, um dieses Ziel zu erreichen.“ Wären derartige Visionen erreicht, könnte wieder Wohlstand auf breiter Ebene entstehen, und was man vorübergehend einsparen musste, wäre wieder finanzierbar.

Visionen ermöglichen langfristiges Handeln. Scheint die Vision der Mehrheit in der Gesellschaft erstrebenswert, wäre sie auch bereit, sich dafür einzusetzen. Heute bringen wir Opfer, ohne zu wissen, ob es sich langfristig auszahlt: Zusatzbeiträge für ein unberechenbares Gesundheitssystem, Rentenbeiträge, die nichts mehr sind als eine Generationenspende, und Steuern für Flickwerk. Wie schön wäre es, wieder einmal Opfer bringen zu dürfen für eine plausible Zukunft?

Es spräche also viel dafür, Visionen zu entwickeln. Das kann in einem reflektierten, demokratischen und dialogorientierten Prozess geschehen. Krankhaft ist das nicht. Heute wird eher derjenige ein Fall für den Arzt, der weiterhin Politik in Schrittchen und Schnittchen macht.

PS: Jakob Augstein sorgt sich in seiner S.P.O.N-Kolumne um den Zynismus in der Politik. Ich sehe einen Zusammenhang zwischen Visionslosigkeit und Zynismus. Aber lesen Sie selbst.

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1 Kommentar

  1. Gepostet 10. September 2011 an 17:58 | Permalink

    Ich fand schon immer, dass dieser von H. Schmidt überlieferte Satz eher ein Zeichen dafür war, dass er auf manchen Gebieten durchaus noch Entwicklungspotential hatte. Visionen sind in ursprünglichen Kulturen, die sich zwar nicht so gut mit moderner Technik aber dafür um Welten besser mit der Seele des Menschen und dem nachhaltigen gemeinschaftlichen Zusammenleben auskennen, zentraler kultureller Baustein. Vision und Lebenssinn liegen da nahe beieinander. Eine Seele ohne Visions(suche) ist eine traurige Seele. Und mit der Art von Trauer ist man beim typischen zeitgenössischen Arzt nun gerade an der komplett falschen Adresse.

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