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“Reset: Wie wir anders leben, arbeiten und eine neue Ära des Wohlstands begründen werden” von Richard Florida

Wie lässt sich nach der Krise wieder Wohlstand schaffen? Laut Florida folgt dem gegenwärtigen Chaos eine gründliche Neuordnung, ein „Reset“. Wir erleben den Übergang von der Industrie- zur ideengetriebenen Kreativwirtschaft. Das ist nicht neu, doch Floridas Blickwinkel als Wirtschaftgeograf liefert Beweismaterial für das, was man als Kreativer nur spürt oder ersehnt.Er denkt die Neuordnung räumlich, spricht von „Wirtschaftslandschaften“, skizziert einen neuen „Spacial Fix“, räumliche Lösungen, die eine gigantische Nachfrage nach neuen Produkten und Dienstleistungen erzeugen.

Bislang hatte ich nur über Floridas Arbeit gelesen, nichts von ihm – und hatte mir eine unterhaltsame Beweihräucherung der „Kreativen Klasse“ erwartet. Doch diese Arbeit ist bis zur Drögheit solide: Er analysiert die Wirtschaftsentwicklung aller nordamerikanischen Regionen vor und nach der Krise. Welche Region blutet am meisten? Welche hat sich überraschend gut gehalten? Daraus kristallisieren sich vier Schlussfolgerungen und Vorschläge für den gesellschaftlichen Aufgabenzettel heraus:

1)    Megaregionen, in denen leidende Städte mit Boomstädten verschmelzen, bieten die besten Wohlstandschancen. Vorschlag: Solche Regionen mit Hochgeschwindigkeitszügen besser zu vernetzen, so dass alle Orte an ihren Strecken „mitgenommen“ werden können. Die enormen Kosten in die neue Infrastruktur dürfe man keiner engen Break-Even-Rechnung unterziehen, weil der gesamtwirtschaftliche Nutzen viel weitere Kreise zieht, wenn Menschen sich schnell zu ihren Lebens- und Arbeitsorten bewegen können.

2)    Jobs wachsen im Kreativbereich (damit meint er alle, die mit eigenem Grips Wert schaffen) und im Dienstleistungsbereich. Vorschlag: Die Jobs im Dienstleistungsbereich durch bessere Qualifizierung, Arbeitsplatzgestaltung und Geschäftsmodelle aufwerten, denn dort liegen die Wohlstandschancen für geringer Qualifizierte. Dies wäre ein Aufgabenbereich für kreative Unternehmer und Gewerkschaften gleichermaßen.

3)    Städte mit hohem Arbeiteranteil leiden mehr, Städte mit hohem Akademikeranteil weniger. Vorschlag: Eine Neugestaltung des Bildungssystems, deren Dimension die Reformen der Humboldtschen und der Nachkriegs-Ära weit übersteigt. Ein Bildungssystem, das Menschen schnelle Wieder-Einstiegschancen bietet und sie lehrt, ihre Kreativität zu nutzen.

4)    Städte, die zu sehr auf einen Vorstadt-Immobilienboom gesetzt haben, kämpfen nun mit Bankrott und Leerstand. Vorschlag: Weg vom Eigenheim-Fetischismus und hin zu flexiblen Wohnlösungen. Unsere Lebenslagen ändern sich viel zu schnell, als dass ein Einfamilienhaus im Vorort noch eine dauerhafte Antwort sein könnte.

Die Analyse befasst sich mit den Verhältnissen in den USA. Im Vorwort geht Florida kurz auf die deutsche Situation ein: Positiv sind unsere toleranten großen Städte und – im Vergleich zu den USA – unsere egalitäre Gesellschaft. Zwei Haupthindernisse hierzulande: Die Unfähigkeit, Talente aus aller Welt anzulocken. Und das unkreative Fordern nach „Umverteilung von Wohlstand“ – statt neuen Wohlstand für alle anzustreben.

In beiden Ländern jedoch  setzte die Politik auf das falsche alte Pferd: Kaum etwas hat sie zugunsten der vier genannten Vorschläge investiert, dafür flossen zig Milliarden in den maroden Banken-, Immobilien- und Industriesektor, um etwas zu retten, was nie mehr funktionieren wird. Unsere Politiker, so scheint es, können nur „Industriestaat“, sie können nicht „ideengetriebene Kreativwirtschaft“. Wie auch: Sie und ihre Institutionen sind Kinder des alten Industriestaats – wie ihre Freunde aus der Finanzwelt, auf deren Rat sie hören.

Wie lange wollen wir warten, bis wohlstandsfördernde Konzepte in den Parteien überhaupt Erwähnung finden, geschweige denn ausgedacht und dann erkämpft werden? Warten will ich nicht. Mein erster Schritt: Schreibend weiter Ideen säen, bis sich Verbündete finden.

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