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“Hundert Freuden” von Wisława Szymborska

Im ersten Gedicht dieser Werkauswahl fragt sich die Dichterin, ob ihre Texte dem Etikett „Dichtung“ genügen: Zu sehr dem spröden Alltag entsprungen seien sie, nichts an ihnen vergoldet, beflügelt, verschnörkelt, nichts von weit hergeholt. Kein Wörterbuch notwendig, um ihre Lyrik aufzuschlüsseln. Das Material ist für jeden greifbar, hier wie da, hier wie dort. Und doch gelingt ihr, im dritten Gedicht, auf kaum mehr als einer Seite, ein Jahrmarkt der Wunder.

Erwachsene wieder staunen zu lassen ist schwer. Szymborska gelingt es durch den Umweg des Zweifelns. Gewöhnliche Dinge, Augenblicke und Geschehnisse erhalten den Glanz von Fragen, und vor lauter Fragen werde ich kleiner und die Welt wird unbegreiflicher. So geschieht es jedes Mal in Landschaft mit Sandkorn: Ein paar Zeilen und ich ahne, was der Buddhismus mit der „Zeit ohne Anfang und Unterschied“ meint.

Oder aber ich altere mit jedem Atemzug. Einsichten stechen ein, lähmen, halten gefangen. So die traurige Einsicht in Das kurze Leben unserer Ahnen, wo das Leben „zu kurz“ ist, „um ihm etwas hinzuzufügen“. So die abgeklärte Einsicht in den vier Minuten von Der Terrorist, er sieht – jede Minute ein Tropfen Öl in die grausame Mechanik des Lebens. Doch irgendwann gelangt man wieder frei ins Freie, ohne das Eingesehene zu vergessen. Noch ein Wunder, das Szymborska vollbringt.

Mein Lieblingsgedicht von ihr: Bildnis. Eine trotzige Hymne auf das Neu-Erschaffen. Immer heilsam zu lesen, wenn das Altern plagt. Warum Szymborska meine liebste Dichterin ist? Weil sie Kampfgeist hat. Weil sie resigniert, um gleich wieder aufzubrechen. Weil sie dunkle, dicke Punkte setzt, ohne damit die Nachfolgenden zu blockieren. So wie sie den Dingen ein Ende macht, so schafft sie Platz für Neues.

Wer wieder staunen und neu aufbrechen will, der greife zu diesem Buch. Für Wunder zwischendurch, fürs Verrückt-Werden, fürs Neuerschaffen.

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