Buddha und Welt, Eben gelesen

“Die Geschichte der Zukunft” von Erik Händeler

Es gibt in meinem Leben ein paar „Epochenbücher“, die mein Denken neu ausgestattet haben. Mit zunehmendem Alter werden diese Bücher seltener, aber Die Geschichte der Zukunft hat mich ein paar Nächte hintereinander hellwach sein lassen: Da erzählt mir einer mitten in der Finanzkrise schlüssig, warum alle monetaristischen Lösungen letztlich versagen werden – und was helfen könnte. Das Buch ist ein Plädoyer für eine qualitative, gar wertorientierte Finanz- und Wirtschaftspolitik. Es rät, in jene Sektoren zu investieren, die unserer Wirtschaft einen neuen Produktivitätsschub verleihen könnten: in Bildung und Gesundheit. Warum?

Hier die 5 Hauptthesen von Händeler:

1)    Wirtschaftliche Entwicklung verläuft zyklisch und in langen Wellen. Dies stützt sich auf die Theorie des russischen Ökonomen Kondratieff. Echte Aufschwünge passieren immer dann, wenn eine neue Lösung einen Engpass beseitigt und dadurch die Wirtschaft um ein Vielfaches produktiver sein kann als vorher. So löste die Eisenbahn damals das Problem der Rohstoff-Transporte.

2)    Bislang waren es immer neue Technologien, die diese Produktivitätsschübe möglich machten: Dampfmaschine, Eisenbahn, Elektrizität, Auto, Digitalisierung. Der Produktivitätstreiber der kommenden 6. Welle wird jedoch der Mensch selbst sein, genauer gesagt seine Fähigkeit, produktiv mit Informationen, sich selbst und anderen Menschen umzugehen. Dabei stützt sich Händeler auf den Wirtschaftstheoretiker Leo Nefiodow.

3)    Wirtschaft ist keine Naturwissenschaft, die sich durch mathematische Operationen steuern ließe, sondern eine kulturelle Gesamtleistung. Regierungen und Unternehmen können Basisinnovationen aufspüren und gezielt fördern. Basisinnovationen sind solche, die den größten Engpass beseitigen. Der größte Engpass wird bald an fähigen, kooperativen Menschen bestehen: Daher wird die neue Basisinnovation aus dem Bildungs- und Gesundheitssektor kommen.

4)    Und aus einem weiteren Sektor: der Religion. Händeler hält die Religion für den ethischen Nährboden der Gesellschaft. Wie dieser Boden beschaffen ist, hat große Auswirkung auf die Wirtschaftsleistung. Diesen Zusammenhang hat dieses Blog schon immer betont – daher ist diese These für mich die wohltuendste.

5)    Händeler schreibt den Werten des Christentums das größte Potential für das Lostreten der 6. Kondratieff-Welle zu. Und er hofft auf eine Renaissance der Kirchengemeinde(n).

Bei der letzten These habe ich Schwierigkeiten, nicht nur, weil ich Buddhist bin. Wie alle Lösungen der großen Menschheitsprobleme erfordert auch die Wiederbelebung der Wirtschaft eine globale Vernetzung und Dialogkultur. Und dazu braucht es möglichst alle Menschen und unweigerlich auch alle Religionen, die dialogbereit sind. Das buddhistische Lotos-Sutra ist da radikal: Entweder wir alle werden Buddhas oder keiner. Oder christlich gesprochen: Entweder wir alle treten in Gottes Reich ein oder keiner.

Aber vielleicht habe ich ja etwas falsch verstanden. Händeler spricht immerhin von einem globalen Ethikwettbewerb, womit er meint: In welcher Region treten am schnellsten viele kooperative, gut ausgebildete und ethisch bewusste Menschen hervor, wo entstehen die ersten echten Wissensgesellschaften? Dass dies möglichst überall geschehen soll, hofft Händeler natürlich auch.

Wer der momentanen Finanz- und Wirtschaftspolitik misstraut und nicht so genau weiß, warum: Händelers Buch liefert spannende Antworten. Also unbedingt lesen!

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