Eben gelesen, Selbst bestimmt!

„Gefährliche Ideen“ von Alf Rehn

Ein Aufklärungsbuch im besten Sinn: Es entlarvt die allermeisten Kreativitätsratgeber als Budenzauber und beleuchtet, was Kreativität wirklich ist: Erschütternd, störend, umwälzend, unangenehm, anstößig, pervers, ekelerregend, destruktiv. Genau das, was Organisationen in der Regel nicht wollen, auch wenn sie ständig Kreativität predigen. Kurz: Das Buch bringt den Punk zurück und lässt ihn auf der Blümchenwiese wüten, wo alle nett zueinander sind und nette Sachen machen.

Vier Kapitel hat das Buch. Das erste befasst sich mit „bequemem Denken“, aus dem uns auch “Kreativitätsübungen” nicht hinauskatapultieren. Mit dem gängigen “Kreativseinwollen”, so dämmert es beim Lesen, haben wir uns in einer kuscheligen Scheinkreativität eingerichtet. In Unternehmen erreicht sie nicht mehr, als alle bei Laune zu halten, und im Privatleben ist sie ein “netter Ausgleich”. Diese Scheinkreativität produziert bestenfalls besseres vom Selben, sie stürzt nichts um, sie stützt den Status Quo. Dagegen ist nichts einzuwenden, doch es sollte Klarheit herrschen, welche Kreativität wir meinen. Dieses Buch schafft diese Klarheit.

Echte Kreativität entsteht durch Provokation, so die These des zweiten Kapitels. Durch echte Herausforderung an uns selbst, durch Krisen, Druck, Schock, Ekel, Deadlines. Alles kein Spaß. Nichts fürs Seminar.

Das dritte Kapitel schlachtet weitere heilige Kühe des Kreativitätskults: Das Ideen empfindliche Wesen seien, die durch Kritik verkümmern. Oder dass nur Eigenschöpfungen gelten und Kopien verpönt sind. Stattdessen finden wir praktische Hinweise, wie man mit verteilten Rollen eine Idee zerpflückt, um sie zu stärken oder zu zerstören. Und Tipps, wie man produktiv mit geklauten Ideen umgeht.

Das vierte Kapitel endet mit einem Lobpreis auf das Ketzertum: Denn die Ketzer sind die wahren Gläubigen unter lauter Scheinheiligen.

Während alle bisherigen Kreativitätsbücher bei mir für schnellen Schlaf gesorgt hatten: Dies hat mich die Nacht wachgehalten. Und eine tolle Nacht war es.

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