Buddha und Welt, Eben gelesen, Selbst bestimmt!

Einkommen und Glück [2]

John Naish hat ein sehr befreiendes Buch geschrieben. Es heißt „GENUG“ und dekliniert für alle Lebensbereiche durch, was das heißen könnte: Genug Information, genug Essen, genug Arbeit, genug Auswahl, genug Glück, genug Wachstum – so lauten die Kapitel.

Naish ist Journalist und kein Moralapostel: Jede These stützt sich auf Fakten oder eine Studie; 25 Seiten Kleingedrucktes stehen im Anhang bereit für den, ders genauer wissen will. Eine Einladung an alle, die einsehen wollen, wie das „Zuviel“ unsere Seele, unsere Beziehungen, unsere Umwelt, unser Leben zerstört.

Ideen, wie es anders laufen kann, erhält man reichlich. Besonders gefreut hat mich die Wiederbegegnung mit Charles Handy, mittlerweile emeritierter Professor der London School of Economics, dessen Bücher mich Ende der 90er geprägt haben. Naish hat ihn interviewt und dabei kam heraus, wie Handy mit seinem Einkommen umgeht: „Am Jahresanfang berechnen er und seine Frau Elizabeth, wie viel Geld sie für ihren bescheidenen Lebensstil brauchen werden, und richten ihr Arbeitsleben entsprechend ein.“

Weiter sagt Handy: „Unseren eigenen Maßstab für ‚genug’ herauszufinden, verleiht uns die Macht, Nein zu sagen. […] Das macht Menschen Angst und erfordert zunächst einige Courage, aber wirklich Nein zu sagen kann eine sehr aufregende Sache sein. Man bekommt das wunderbare Gefühl, dass man die Situation beherrscht.“

Funktioniert diese Einstellung nur bei pensionierten Wirtschaftsgurus, die „es sich aussuchen“ können? Ich bin Kleinunternehmer, Familienvater und habe noch nicht „ausgesorgt“. Doch auch ich bestimme am Jahresanfang, wie viel „genug Geld“ ist. Das hilft mir, Kurs zu halten, souverän zu verhandeln und materielle Werte mit immateriellen zu balancieren. Jedes Nein schmeckt wunderbar nach Freiheit.

Wenn ich mich bei unternehmenden Menschen umhöre, kristallisieren sich zwei Einstellungen heraus: Die einen wollen möglichst „groß“ werden. Wenn ich sie frage, warum und wohin sie wachsen wollen, ernte ich einen Blick, der mir sagt, ich kapiere irgendetwas nicht. Die anderen legen von vorneherein den Rahmen ihres Unternehmens fest, füllen ihn dann, erweitern ihn aber nicht wesentlich. Aus dieser Begrenzung entsteht die nur ihnen bestimmte Qualität. Zwei Einstellungen: Die eine zielt in die Breite, die andere in die Tiefe. Dabei beobachte ich: Zur ersteren gehören fast nur Männer, zur letzteren überwiegend Frauen.

Das Schöne an unseren Zeiten ist, dass Unternehmen nicht groß sein müssen, um überleben zu können. Klein und fein kann genug sein.

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5 Kommentare

  1. Pseudonymia
    Gepostet 27. November 2010 an 12:21 | Permalink

    Danke für den Lesetipp. Das andere Buch, dessen Geschichte in England spielt und mit Kloputzen beginnt, hat sich mein Mann notiert und dieses hier scheint meine These zu untermauern, deswegen werde ich mal hinein schauen. Jetzt habe ich nur eine Frage:

    Worin unterscheiden sich “in die Tiefe gehen” und “in die Breite gehen”? Ich stelle mir gerade vor, einen Stab in Händen zu halten und je nachdem, wie ich auf ihn schaue oder ihn halte, geht er in die Breite oder in die Tiefe ;-)

    Ich bin gespannt auf die Antwort!

    MfG,
    Pseudonymia

  2. Gepostet 27. November 2010 an 22:27 | Permalink

    Vielen Dank für die Frage, Ms Pseudonymia! Das oben erwähnte Buch erzählt die Geschichte von Charles Martell, einem Käsemacher in Westengland. Sein Käse, der „Stinking Bishop“, tauchte in einem Wallace-&-Gromit-Film auf und erlebte eine riesige Publicity-Welle. Die Bestellungen vervielfachten sich. Supermarktketten fragten an.
    Martell hätte nun seinen Betrieb vergrößern, die Produktion steigern, seine Produktpalette um „Stinking Bishop Light“ und „Stinking Bishop Sonstwas“ erweitern und stinking rich werden können. Aber aus seinem Hof, seiner Arbeit, seinem Leben und aus seinem Käse wäre dann zwangsläufig etwas ganz anderes geworden. Wer dies in Kauf nimmt, hat eine Einstellung, die in die Breite zielt – der will eben „expandieren“.
    Martell hingegen hatte alle Anfragen abgelehnt und wie bisher pro Tag nur 120 dreipfündige Stinking Bishops produziert. Denn sein Traum war es, Käse zu machen. Auf eine ganz bestimmte Weise: Der Käse wird in den Most der Stinking-Bishop-Birne eingelegt, die nur in dieser Gegend wächst. Martell wollte ein einzigartiges Produkt und ein einzigartiges Leben. Eine Einstellung also, die in die Tiefe zielt: Die richtige Größe, Ökonomie und Arbeitsweise finden, um genau das zu tun, was man eigentlich und von Herzen will.

  3. Pseudonymia
    Gepostet 4. Dezember 2010 an 03:01 | Permalink

    Danke für die Antwort!
    Ich stolpere jedoch über Folgendes – und das ist keine Kritik, sondern ehrliches Interesse und Lust am Diskurs:

    Was ist an der Breite schlechter als an der Tiefe?

    Meine persönliche Auffassung ist: Soll doch jeder das tun, was ihm liegt und was er möchte. Solange keine gravierenden Rechte verletzt werden.
    Also was ist schlecht daran, mit seinem Betrieb zu expandieren? Warum soll das weniger wertvoll sein, weniger löblich?

    Blödes Beispiel:
    Buddhisten könnten sich ja auch darauf zurückziehen, dass jeder für sich chantet “und fertig ist die Laube”. Stattdessen sind sie ebenfalls stets um Expansion bemüht. Künftige Mitglieder / Mitmenschen anwerben und so weiter, mit dem Ziel, eine bessere Welt zu schaffen.
    So weit so gut.
    Sollen sie doch.
    Aber warum darf jemand nicht das Ziel haben, mehr guten Käse unters Volk zu bringen?
    Macht ihn das zu einem schlechteren Menschen?

    Ich bin sehr (!) gespannt auf die Antwort und bedanke mich hoffnungsfroh im Voraus.

  4. Gepostet 9. Dezember 2010 an 15:50 | Permalink

    Was ist an der Breite schlechter als an der Tiefe? Gar nichts. Die Strategie der Tiefe habe ich deshalb sympathischer dargestellt, weil sie weniger anerkannt ist. Menschen wie dieser Käsehersteller werden nach der herrschenden ökonomischen Denkweise eher belächelt. Doch beide Strategien sind gleichermaßen klug und berechtigt, je nach Unternehmensart und Situation. Auch müssen sie einander nicht ausschließen.

    Ich glaube: Jedes Unternehmen hat sein eigenes Wachstumstempo und eine Idealgröße, die sich aus seinem Auftrag ableitet. Beschleunigt es sein Wachstum über Gebühr oder wird es größer als für seine Kernaufgaben nötig, dann nimmt die Gier überhand, meistens mit problematischen Folgen.

    Zum „Expansionsstreben“ des Buddhismus: Es war der Wunsch des Buddha, ALLEN Menschen den Zugang zum Glück zu zeigen. Auf dieser Ebene gibt es also kein Entweder/Oder. Hier ist Breite gleich Tiefe, Tiefe gleich Breite.

  5. Pseudonymia
    Gepostet 10. Dezember 2010 an 02:31 | Permalink

    Das verstehe ich!
    Danke für die Antwort. Sie beantwortet mir tatsächlich etwas und ich bin froh darüber.

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