Buddha und Welt, Eben gelesen

“Corpus Delicti” von Juli Zeh

Wie immer sind mir ihre Figuren merkwürdig fern: Sie rühren mich nicht, ich kann sie beobachten wie in einem klinischen Experiment. Trotzdem hängt mir das Buch lange nach. Nicht wegen der Figuren. Auch nicht wegen der Geschichte, sie besteht aus dem klassischen Match „Individuum gegen Gesellschaft“ – mit ebenso klassischem Ausgang. Was mich nicht loslässt, ist das Gesellschaftssystem, in dem ihre Figuren spielen.

Juli Zeh entwirft eine Diktatur, in der die Gesundheit oberstes Recht und oberste Pflicht ist. Und diese Diktatur ist zum Fürchten, denn sie ist die wahrscheinlichste von allen totalitären Varianten, auf die wir uns zubewegen könnten.

Mittlerweile hängen so viele Menschen dem Fitness-, Körper- und Wellnesskult an, dass aus dieser Masse eine staatsprägende Religion hervorgehen könnte. Das Credo dieser Religion: „Die heilige Dreifaltigkeit von Schlankheit, Schönheit und Gesundheit ist das Allerhöchste im Leben. Nur ihr gilt es zu dienen. Amen.“ Viel zu viele Apostel schreiben im Namen dieses Credos. Viel zu wenige dagegen – ich kenne nur zwei: Manfred Lütz mit seinem Buch Lebenslust und nun Juli Zeh.

Bei ihr kann man erfahren, wie ein Staat aussieht, dessen Fundament der unbedingte Anspruch auf Gesundheit ist. Dabei hat sie nur weitergesponnen, wofür sich Mediziner- und Pharmalobbys heute schon stark machen, wohin die beginnende Marginalisierung von Rauchern und Übergewichtigen führen könnte, und was die Vergötterung des eigenen Körpers anrichtet.

Corpus Delicti ist, abgesehen von seiner sprachlichen Brillanz, kein „Lesevergnügen“. Wer liest schon gerne Warnhinweise. Und dann noch einen wie diesen: „Zuviel Gesundheit schadet dem Menschsein.“ Doch es könnte einmal lebenswichtig sein, diesen Hinweis zu ernst zu nehmen.

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