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“1Q84″ von Haruki Murakami

Zuerst zum Cover: Lieber Dumont-Verlag, ein Buch in Grillfolie einwickeln kann ich auch selbst. Und die giftgrünen Buchstaben verschwinden wie auf einem Rubbellos. Wie schön waren Ihre Murakami-Cover bislang, wie affig ist dieses!

Nun zum Buch:

Nicht zuhause in Tokio

Habe es in Tokio gelesen, dort also, wo es spielt und Murakami schreibt. Habe mich noch nie so abgekoppelt gefühlt wie an diesem Ort. Von meiner Welt, meiner Familie, von mir selbst. Und die Gesichter der Tokioter sagen mir: „Wir sind hier genauso wenig zuhause wie du.“ Wenn es eine Kraft gibt, die fremd ist und befremdet: In Murakamis Stadt mag sie ihr Epizentrum haben.

Man könnte das Buch eine Liebesgeschichte nennen, wäre man sich hier nach der Lektüre noch sicher, was Liebe ist. Spinnen wir nur Fiktionen voneinander? Lebt der andere wirklich? Oder nur in meiner Geschichte? Ist die Welt eins? Oder geteilt in Myriaden von Paralleluniversen?

Ich leide mit Figuren, die weder hineinfinden zu sich selbst noch hinaus zum anderen. Sie sind von einem Autismus befallen, der mir gerade deshalb immer unheimlicher wird, weil er mir immer vertrauter vorkommt. Warum ich das Buch nicht starr vor Traurigkeit beiseite lege? Weil die Geschichte für ihre 1.021 Seiten noch genug Spannung liefert. Doch jetzt ist sie aus und ich will nach Haus. Wie finde ich dorthin zurück?

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5 Kommentare

  1. Dirk
    Gepostet 17. Dezember 2010 an 18:56 | Permalink

    Das Cover hat mich auch total abgeschreckt, aber als Murakami-Fan habe ich das Buch natürlich trotzdem gekauft.

    Das fette MURAKAMI auf dem Buchblock wirkt total peinlich. Was ist eigentlich die Aussage? Oder das ästhetische Statement? Und dieser Alufolien-Look, was soll der? Eine solche Kälte strahlen Murakamis Bücher nicht aus, auch nicht IQ84.

    Was waren das noch für Zeiten, als Dumont auf die Gestaltung von Rainer Groothuis setzte! Mit der neuen Trash-Ästhetik jedenfalls kann sich die Murakami-Gemeinde sicher nicht anfreunden. Kommt zur Besinnung, liebe Leute bei Dumont, und lasst Groothuis für eine Nachauflage ein neues Cover machen!

  2. Pseudonymia
    Gepostet 21. Dezember 2010 an 01:38 | Permalink

    Wohl dem, der ein Zuhause hat, zu dem er zurückkehren kann. Was macht jemand, der das nicht mehr hat? Sich ein geistiges zulegen?

  3. Gepostet 23. Dezember 2010 an 13:40 | Permalink

    Er kann sich mit Liebe und Kreativität ein neues Zuhause schaffen. Das muss nicht nur ein geistiges, sondern kann auch ein sehr reales sein: Mit handfesten Kontakten und allem, was man mag. Die Frage ist eher, wie bringt man genug Liebe und Kreativität hervor? Und das immer wieder, trotz aller Verletzungen und Verluste?

  4. Dirk
    Gepostet 8. Januar 2011 an 13:09 | Permalink

    Wir suchen doch alle ein seelisches Zuhause, wie die Helden von Murakami auch. Vielen gelingt das in Ansätzen, aber die Verletzungen und Verluste bleiben. Und doch geben wir nicht auf.
    Murakami ist ein großer Literat, weil er genau dieses Lebensgefühl immer wieder beschreibt. Es ist die innerliche Grundkonstante der Generation der 35- bis 45-Jährigen. In Murakamis Büchern wird die Verbindung zu den Generationen davor und danach hergestellt.
    In 1Q84 hat die Hauptfigur eines Stranges, der Schriftsteller, ja einen Blick nach vorne und zurück. Er will verstehen, was vor ihm und nach ihm geschieht, in die Gedankenwelt einer anderen Generation kriechen. Aber ein Zuhause findet er dort auch nicht.
    In Sputnik Sweetheart ist es ähnlich, in Mister Aufziehvogel, Tanz mit dem Schafsmann oder Kafka am Strand geht der Blick vor allem in die Vergangenheit. Man erkennt: Der Blick des Autors weitet sich mit dem seiner Leserschaft, die mit ihm älter wird.

  5. Gepostet 8. Januar 2011 an 16:18 | Permalink

    Genau so sehe ich das auch.
    Nur weiß ich nicht, wie lange ich noch so melancholisch mitmäandern will mit Murakamis Büchern. Mich stört allmählich diese Kraftlosigkeit seiner Figuren. Sich ein Zuhause schaffen war immer schon ein kreativer Akt. Das kriegen Migrantenfamilien hin, die ihr Zuhause verloren haben, oder Patchworkfamilien, die ganz neue Liebes-Netzwerke knüpfen müssen, sowie alle Menschen, die sich Wahlverwandschaften aufbauen.
    So viele Wahrheiten Murakami über unsere Generation offenbaren mag – das halbautistische Umherirren ist kein Lebensgefühl, zu dem sie unweigerlich verdammt ist.

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